Südstadtkrimi

Der Südstadtkrimi von Diana Horz erscheint exklusiv beim Südblatt. Zum Lesen ohne Bildschirm können Sie sich den Text auch als PDF ausdrucken.

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Mord im Morgengrauen

Kapitel 1

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Nur noch wenige Minuten, bis die Kirchenglocken der entfernten St. Elisabethkirche jedem Nichtuhrenträger die Zeit verrät. Der Wind macht es den Radfahrern schwer, die Kilianstraße hinaufzukommen. Seit Nikolas nicht mehr als Polizist arbeitet, beginnt jeder seiner Tage gleich. Es gibt schon lange keinen Grund mehr, früh aufzustehen, doch zwingt die Gewohnheit ihn dazu. Der erste Griff führt zur Fernbedienung, da der Fernseher Nacht für Nacht dieselbe Kassette alter, aufgenommener Science-Fiction Serien abspielt. Der Bilderrahmen auf dem überladenen Beistelltisch zeigt ihn in glücklicheren Zeiten mit einem Kind. Ohne einen Blick in den Spiegel zu werfen, gleitet der Reißverschluss der dunklen Jacke hinauf, ehe er die Tür des Wohnhauses hinter sich zufallen lässt. Er verlässt die kleine Zweizimmerwohnung in der Winfriedstraße, zündet die erste von vielen Zigaretten dieses Tages an und geht in Richtung des Kilianspielplatzes. Noch vor einiger Zeit wäre er mit einem kleinen Jungen an der Hand bis zur Apotheke Ecke Geroldstraße gelaufen, dann rechts abgebogen und zur Bäckerei gegenüber der Wäscherei gegangen. Auf dem Weg dorthin hätte der Junge wohl gefragt, wieso so viele Autos grau und die Launen der Menschen am Morgen so viel schlechter scheinen als am Abend. Bei der Bäckerei angekommen, würde der junge Fragensteller, obwohl man es zuvor mehrfach verneinte, ein Schokohörnchen bekommen, welches er versprechen würde, noch auf dem Heimweg wieder verschwinden zu lassen. Heute jedoch und wie an jedem Morgen seit einigen Jahren wird er an der Pizzeria vorbei Richtung Kilianplatz gehen. Es ist 6 Uhr 52, als das „Guten Morgen“ einer älteren Dame den Rauch seiner Zigarette durchdringt. Caesar fordert seinen täglichen Gassigang, um es seiner Herrin gleichzutun und Nikolas den immergleichen, abwertenden Blick zuzuwerfen. Man könnte die Uhr danach stellen, denn gute 3 Minuten, nachdem Nikolas den kleinen Kläffer ignoriert, kreuzt der immergleiche Jogger seinen Weg. An diesem Tag bleibt ihm der Blick auf die engen Radlerhosen verwehrt. Ist er krank? Arbeitet er? Sind ihm die 4 Grad über Null etwa zu kalt oder ist er krank, weil er bei Wind und Wetter durch die herbstlichen Straßen Paderborns rennt? Nikolas erreicht den Kilianplatz, als die dritte Zigarette ihr Ende findet. Eine Gruppe Siebenjähriger streift seinen Weg. Die Ranzen breiter als ihr Kreuz und die Jacken reflektierender als jeder Spiegel, wieselt die Ameisenbande zur Schule am Querweg. Einer der Jungen genießt für einen längeren Augenblick Nikolas‘ Aufmerksamkeit, denn er erinnert ihn an seinen eigenen. Einige Minuten teilen sie denselben Weg, ehe er die Südstadt-Bäckerei erreicht und sich die letzte Zigarette vor seinem spärlichen Mittagessen gönnt. Als er sie zu Boden wirft, die Glut austritt und den Stummel aufhebt, nähert sich eine Frau dem Geschäft, um den letzten Platz in der Schlange einzunehmen. Nikolas glaubt, sie zuvor noch nicht gesehen zu haben. Die Frau scheint in Eile, tippt ihr rechter Fuß doch unaufhörlich auf den Boden. Sie spricht es nicht aus, doch sind die Worte „Wird’s bald?“ für jeden zu hören. Wahrscheinlich folgt sie heute nicht ihrem gewöhnlichen Tagesplan und ist spät dran. Insgesamt scheint es nicht ihr Tag zu sein. Die verschränkten Arme werden nur durch das wiederholte Schauen auf das Handy in ihrer linken Jackentasche gelockert. Ähnlich wie die Raser hinter einem Richtigfahrer auf der Landstraße, die links antäuschen, um die Möglichkeit des Überholens zu erahnen, linst sie an den drei Mitwartenden vorbei, um ihre Ungeduld zum Ausdruck zu bringen. Noch ehe der Vordermann die Möglichkeit des Abschiedes bekommt, spricht sie ihre Bestellung aus: „Zwei Normale, ein Belegtes mit Salami und Remoulade, keine Butter. Und ein Schokocroissant. Das Belegte und das Croissant kommen in eine extra Tüte.“ „Guten Morgen. Das Brötchen schmiere ich Ihnen gerne, das dauert nur eine Minute.“ Mehr als ein Augenrollen ist der Wartenden nicht abzugewinnen. „4 Euro und 78 Cent, bitte.“ „Unverschämt, so viel hätte früher keiner beim Bäcker bezahlt.“ Sie legt das Kleingeld passend in die Schale, greift beherzt zu den Tüten und geht ohne ein Wort des Dankes. Der Blick der jungen Frau auf der anderen Seite der Theke lässt vermuten, dass dieses freudige Ereignis nicht das erste seiner Art gewesen ist. Auf Nikolas wartet nun sein tägliches, ausgewogenes und nährreiches Frühstück: „Kaffee. Schwarz. Bitte.“ Jeden Morgen von 7 Uhr 20 bis 7 Uhr 30 trinkt Nikolas seinen Kaffee und durchforstet die Nachrichten dieser Welt. Keine regionale Zeitung, keine lokalen Nachrichten. Nichts von jemandem, den er kennen oder etwas, was ihn an sein Leben erinnern könnte. Ein Auto fährt vor. Der Motor läuft, als der Mann hereintritt. „Ist das kalt heut!“, lässt er verkünden. Das Lächeln der jungen Frau strahlt ihm entgegen. „Überall diese Roller. Vorhin fuhr mir erst wieder einer vor‘s Auto. Furchtbar nervig.“, beschwert er sich. Sein fragender Blick erreicht Nikolas, als würde er Bestätigung erwarten, doch vergebens. Dann folgt seine Bestellung: „Zwei Mehrkornbrötchen und zwei Hörnchen, bitte.“ „Gerne.“, ertönt es von der anderen Seite. Nikolas trinkt den letzten Schluck, schlägt die Zeitung zusammen und verlässt das Geschäft. Das morgendliche Ritual nähert sich beinahe dem Wiederholungsdrang einer Zwangsneurose. Würden sämtliche Uhren der Umgebung auf einen Schlag ausfallen, man könnte sie nach Nikolas und seiner Tasse Kaffee neu stellen. Er setzt gerade an, zurück in Richtung des Kilianplatzes zu gehen, als er überholt wird. Da ist er, der Jogger. 42 Minuten zu spät und bereits zu erschöpft, Nikolas mehr als ein müdes Nicken im Vorbeilaufen zu schenken. Heute scheinen viele Menschen in Eile zu sein.
Die Abweichungen des Tagesablaufes an diesem Morgen sind Grund genug, sich nach dem Frühstück noch einen Glimmstängel zu gönnen. Der Weg zurück führt ihn in der Regel an denselben Orten vorbei, die er zuvor kreuzte, doch zieht es ihn heute vor dem Friseursalon am Kilianplatz in die lange Gasse Richtung Pankratiusstraße. Die Dämmerung verdunkelt den Weg, als Nikolas einen Gegenstand am Boden bemerkt. Die Luft umhüllt die Silhouette eines leblosen Körpers. Einsam und stumm ziert er den Weg. Nikolas weiß, was er sieht, doch steht er still. Sein Blick wird unscharf, die Gedanken schweifen ab. Ihm ist, als sehe er etwas anderes. Jemand anderen. Wenige Schritte trennen ihn von der Frau, doch das Bild wird diffus, beinahe verschleiert. Sein Herz schlägt schnell, der Atem flacht ab. Der Wind lässt den Mantel der Liegenden über den Boden kratzen. Ihre Augen, weit geöffnet, schauen den Weg hinab, als verfolgten sie den Schuldigen. „Oh mein Gott!“, ertönt es hinter ihm. Eine Frau läuft herbei und streift seine Schulter, als sie an Nikolas vorbeikommt. Sie kniet nieder, dreht den Kopf der Liegenden und versucht, ihren Puls zu fühlen, ehe sie sich Nikolas zuwendet und schreit: „Was ist passiert?“ „Sie sollten sie nicht anfassen.“, sagt er leise. „Rufen Sie einen Krankenwagen!“, kreischt sie. Plötzlich wird das Bild klarer. Es ist die Frau aus der Bäckerei, die es augenscheinlich sehr eilig hatte und mit dem Wechselkurs der Deutschen Mark nicht glücklich ist. „Ja, hier liegt eine Frau. Kilianplatz, zwischen Friseur und Pizzeria den Weg runter. Ich glaube, sie atmet nicht.“, hört Nikolas im Schall der eigenen Gedanken. Dann kommt ein Mann herangelaufen. „Was ist passiert?“, fragt er erschrocken. „Ich weiß es nicht, ich sah sie hier liegen und er steht nur da!“, sagt die Frau verzweifelt. Das Pfützenwasser des Asphaltes mischt sich mit dem Blut, das der Verletzten aus dem Mund rinnt. Zwei helle Brötchen liegen einige Meter weiter, die Tüte ist zerrissen. Sirenenlärm nähert sich der Gasse, als Nikolas denkt: „Wo sind das Belegte und das Schokocroissant?“